Dario auf dem Bahnsteig Pankow-Heinersdorf


S-Bahn Hobby

Mein älterer Sohn Dario wird diesen Oktober 3 Jahre alt. Schon jetzt hat er ein ausgeprägtes Hobby: S-Bahn fahren. Leider können wir uns das nicht jeden Tag leisten, aber seine Spielzeug-S-Bahn, bestehend aus einem gelben und einem grünen Holzwagen, leistet auch gute Dienste und transportiert Legomenschen und Plastiksaurier. Manchmal muß sie mit in den Kindergarten, manchmal mit ins Bett.

Auf dem Spielplatz im Schloßpark steht eine rote Holzeisenbahn. Während andere Kinder Husch-husch-husch rufen, imitiert Dario lautstark anfahrende und abbremsende S-Bahnen. „Bahnhof: Aussteigen! Einsteigen!“ ruft er. „Dieser Zug fährt nach Tegel!“

Dario kann seit einem Jahr sämtliche Großbuchstaben lesen. Wenn er ein S sieht, sagt er: „S wie S-Bahn!“ (U wie U-Bahn kennt er natürlich auch.)

Nicht zu überbieten sind echte S-Bahnen. Wenn Dario S-Bahn fahren darf ist er selig. Er schaut aus dem Fenster, und stellt fest: „Die S-Bahn fährt auf Schienen!“. Eine S-Bahn auf dem Abstellgleis wird sofort freudig bemerkt: „Da ist eine rote S-Bahn!“. Wenn der Gegenzug kommt ruft er jedesmal: “Noch eine S-Bahn!“ und oft fragt er dann: „Wo fährt diese S-Bahn hin?“ Eines Tages in einer vollbesetzten S-Bahn. Mittagszeit, die anderen Fahrgäste schauen gelangweilt vor sich hin. Ein Bahnhof, Unterbrechung des Fahrgeräusches. In diese Stille hinein ruft mein Sohn verzückt: „S-Bahn fahren ist schön!“. Keiner der anwesenden Fahrgäste konnte sich da ein Lächeln verkneifen.

Mit Aufzügen und Rolltreppen kennt sich Dario auch schon gut aus. Falls nur eine einfache Treppe vorhanden ist sagt er gleich: „Wir brauchen einen Mann für den Kinderwagen!“ Tatsächlich packen die meisten Männer gerne mal an, wenn es ums Kinderwagentragen geht. Schließlich ist mein jüngerer Sohn noch ein Baby und kann noch nicht laufen.

Seit neustem will Dario gar nicht mehr mit dem S-Bahn fahren aufhören. Im Zielbahnhof Pankow-Heinersdorf angekommen sage ich „Wir gehen jetzt nach Hause.“. „Nein, umsteigen!“ kommt die Antwort. Dario ist nur mit dem Versprechen, daß wir noch eine Station Straßenbahnfahren dranhängen, zum Weiterlaufen zu bewegen.  Aus der Straßenbahn ausgestiegen fordert er wiederum Umsteigen. Weiteres Fahren würde uns aber wieder von zu Hause weiter weg bringen, also muß ich ihn jetzt ganz schnell mit etwas anderem ablenken, bevor er zornig wird.

Neulich stand Dario auf einem kleinen Spielplatz in der Nähe der S-Bahn Linie 2. „Wir warten auf die S-Bahn!“ rief er, und wartete geduldig. Freudige Ausrufe, als der Zug vorbeiratterte. „Wir warten auf die andere S-Bahn.“ kam jetzt. Tatsächlich, 2 Minuten später war der Gegenzug fällig. Als auch dieser vorbei war: „Die nächste S-Bahn kommt gleich.“ – „Naja, in etwa 8 Minuten.“, sagte ich. Dario bestand darauf: „Die nächste S-Bahn kommt gleich!“ Nach einer Minute etwas ärgerlich: „Die nächste S-Bahn kommt gleich???“ Nach einer halben Stunde hatten wir noch 10 weitere S-Bahnen gesichtet (zum Glück fährt die S8 auch ab und zu), und ich hatte diesen Satz mindestens 100 mal gehört, und jedesmal geduldig beantwortet. Dann wurde es Dario zu langweilig, und er wandte sich den nahe vorbeifahrenden Straßenbahnen zu. Eine Stunde saßen wir an einer Haltestelle. Eigentlich wollte Dario einsteigen, aber ich hatte kein Geld dabei. „Jetzt kommt eine flache Straßenbahn!“, „Jetzt kommt eine hohe Straßenbahn!“, „Diese Straßenbahn fährt in die andere  Richtung!“, „Die Straßenbahn fährt auch auf Schienen!“, „Jetzt kommt unsere Straßenbahn!“ Durfte ich mir anhören. „Nein, wir haben kein Geld dabei, wir können hier nicht einsteigen!“ sagte ich, und wünschte mir inzwischen, ich hätte welches dabei. „Außerdem ist dein Gesprächsthema reichlich einseitig!“ Darios Antwort war logisch: „Wir gehen jetzt nach Hause und holen Geld. Dann steigen wir ein.“

Letztens kündigte ich ein großes Ereignis an: „Wir fahren morgen mit der Straßenbahn und mit der S-Bahn zu einer Hochzeitsfeier.“. Am nächsten Morgen weckte mich Dario eine halbe Stunde früher als üblich mit den Worten: „Heute ist Montag. Wann fahren wir los?“ – Nein, Dario, heute ist Sonntag. Und jetzt ist es 6 Uhr morgens. Wir fahren um 10 Uhr los, also in 4 Stunden.“  5 Minuten später fragt Dario: „Fahren wir jetzt los?“ Und das ging dann den ganzen Vormittag so weiter…Die Fahrt selber war dann aber das reinste Vergnügen. Kaum waren wir angekommen, versicherte sich Dario: „Auf dem Rückweg fahren wir auch mit der S-Bahn, und dann mit der Straßenbahn?“

Wenn ich Dario frage, was er nachts geträumt hat, so sagt er in letzter Zeit häufig: „Ich habe von der S-Bahn geträumt.“ Wenn Dario etwas malt, dann sind das häufig S-Bahnen, mit Vorliebe solche, wo die Räder abgegangen sind.

Ein S-Bahn Lied durfte auch nicht fehlen. Dieses habe ich im Laufe der letzen Monate für ihn gedichtet, und jetzt muß ich es immer wieder singen. Inzwischen singt Dario den Refrain schon selber.

Und was will er werden, wenn er groß ist? Entweder Mechaniker für die S-Bahn Reparatur, oder Zugführer. Bei der S-Bahn natürlich.

 

S-Bahn Lied

1. Strophe

Komm wir wollen S-Bahn fahrn, komm steig ein in diese Bahn!
Sieh die Türen gehen schon zu, und dann fahren wir im nu.

Refrain:


Jsssssssssssssssssssssssssss… S-Bahn, S-Bahn fahren wir -   Weiter, weiter fort von hier.

Das Jssssssssssssssssssss wird dabei glissando über etwa eine Quinte aufsteigend wie das Geräusch einer anfahrenden S-Bahn gesummt, ohne Pause übergehend in die Melodie des Refrains.

Weitere Strophen

Bei den folgenden Strophen werden je nach Bedarf einzelne Töne verdoppelt oder zusammengefasst:

Da vorne kommt ein Tunnel, da fahren wir gleich rein.
Im Tunnel wird es drinnen ein wenig dunkel sein.
 
Jsssssssssssssssssssssssssss… S-Bahn, S-Bahn fahren wir
                                                Weiter, weiter fort von hier.
 
Und dann kommt ein Bahnhof, steig aus, steig ein, steig ein.
Da wolln ganz viele Leute jetzt in der S-Bahn sein.
 
Jsssssssssssssssssssssssssss… S-Bahn, S-Bahn fahren wir
                                                Weiter, weiter fort von hier.
 
Die S-Bahn fährt ganz schnell, da vorne wird es hell.
Wir fahren aus dem Tunnel raus; schau, dort sieht es lustig aus.
 
Jsssssssssssssssssssssssssss… S-Bahn, S-Bahn fahren wir
                                                Weiter, weiter fort von hier.
 
Viele Häuser hat die Stadt, die auch viele Leute hat.
Viele Leute kann man sehn, wie sie S-Bahn fahren gehen.
 
Jsssssssssssssssssssssssssss… S-Bahn, S-Bahn fahren wir
                                                Weiter, weiter fort von hier.
 
Sieh da kommt der Bahnhof, wo wir zu Hause sind.
Da wolln wir nicht mehr weiterfahrn; komm steig aus geschwind.
 
Das erste Lied wird unterbrochen vom zweiten Lied, wenn das Kind sagt: „(rote) S-Bahn ist kaputt“
Häufig wird auch von Anfang an das zweite Lied auf diese Weise gewünscht. Manchmal ist auch die grüne S-Bahn oder die schwarze S-Bahn, oder die ganz lange gelbe S-Bahn kaputt.
 
(rote) S-Bahn kaputt – Lied
 
Oh- bubb bubb bubb bubb bubb, oh, bubb bubb bubb,
 
Ach, die (rote) S-Bahn ist kaputt.
Ach die (rote) S-Bahn ist ganz schrott.
 
Da bleibt sie dann ganz einfach dort auf der Strecke stehn.
Und die Leute müssen zu Fuß nach Hause gehen.
 
Und dann kommt der Mechaniker an:
Was ist denn los? Warum kann sie nicht mehr fahrn?
Die Bremsen sind ganz fest verklemmt,
Die Fahrt ist dadurch stark gehemmt.
 
Doch der Mechaniker hat’s studiert,
Wie man die S-Bahn wieder repariert.
 
Er schraubt und sägt und feilt an dieser S-Bahn rum,
Hämmert schweißt und bohrt, denn das ist gar nicht dumm.
 
Und dann kann die S-Bahn wieder fahrn („wieder kaputt!“, ruft das Kind…)
Wieder heil kommt die S-Bahn wieder an.
 
Alle Leute wolln in der (wieder heilen) S-Bahn sein.
Schau, so viele Leute steigen wieder ein.
 
Jsssssssssssssssssssssssssss… S-Bahn, S-Bahn fahren wir
                                                Weiter, weiter fort von hier.
 
(Hier wird dann das erste Lied fortgesetzt.)

 

Margret Moré, © 2004

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